Colts im Ausverkauf: Jetzt steht auch Jonathan Taylor zur Wahl
Nach Quenton Nelson und DeForest Buckner sind die Colts offen für einen Trade ihres Running Backs. Fünf Teams haben angefragt, die Deadline ist am 10. November.
8.185 Rushing Yards, 77 Rushing Touchdowns. Nur Edgerrin James (9.226 Yards) ist für die Indianapolis Colts weiter gelaufen als Jonathan Taylor, bei den Touchdowns liegt niemand in der Klubgeschichte vor ihm. Genau dieser Spieler steht jetzt zur Verfügung. Laut Adam Schefter (ESPN) und Ian Rapoport (NFL Network) sind die Colts bereit, Taylor vor der Trade-Deadline am 10. November abzugeben. Die Gespräche seien „aktiv und laufend“.
Angefragt haben die Denver Broncos, die Green Bay Packers, die Minnesota Vikings, die New York Giants und die Seattle Seahawks. Als Favoriten gelten Giants und Vikings. Unmittelbar bevor steht laut den Berichten aber nichts, am Sonntag in Jacksonville soll Taylor noch für Indianapolis auflaufen.
Zwölf Tage, drei Pro Bowler
Die Taylor-Meldung ist der vorerst letzte Schritt einer Kehrtwende, die sehr schnell ging. Am 18. Oktober verloren die Colts zu Hause 20:26 gegen die bis dahin sieglosen Tennessee Titans, nach einer 13:0-Führung zur Pause. Am Tag danach entließ Besitzerin Carlie Irsay-Gordon General Manager Chris Ballard, der seit Januar 2017 im Amt war und in dieser Zeit zweimal die Playoffs erreichte (2018 und 2020). Assistant GM Ed Dodds führt die Personalabteilung bis Saisonende, Head Coach Shane Steichen berichtet direkt an die Besitzerin.
Nach dem 10:16 in Minnesota, der dritten Niederlage in Folge, folgten am 27. Oktober zwei Trades an einem Tag:
- Guard Quenton Nelson geht nach Seattle. Die Colts erhalten einen Drittrundenpick 2027 und einen Fünftrundenpick 2028.
- Defensive Tackle DeForest Buckner kehrt zu den San Francisco 49ers zurück, dafür gibt es einen Viertrundenpick 2027.
Für Nelson, Nummer 6 im Draft 2018, dreimal First-Team All-Pro in seinen ersten drei Jahren, ist das ein bescheidener Ertrag. Für Buckner hatte Indianapolis 2020 noch den 13. Pick im Draft an die 49ers gezahlt. Beide Verträge laufen allerdings nach dieser Saison aus. Die Colts hätten beide im Frühjahr womöglich ohne jede Gegenleistung verloren, das drückt den Preis.
Buckner, nach seiner Frustration gefragt, antwortete nur: „Wie wäre es, wenn Sie raten?“
Taylor ist kein Auslaufmodell
Bei Taylor liegt der Fall anders, und genau das macht ihn interessant. Er ist 27 Jahre alt und hat im August um zwei Jahre bis 2028 verlängert. Den Signing Bonus von 15 Millionen Dollar haben die Colts bereits bezahlt. Ein neues Team übernimmt also nur das Restgehalt für 2026 und danach ein Grundgehalt von 15 Millionen (2027) und 9,46 Millionen Dollar (2028). Für einen Running Back seiner Klasse ist das gut planbar.
Sportlich spricht ebenfalls wenig gegen ihn. In sieben Spielen kommt er auf 587 Rushing Yards und acht Lauf-Touchdowns, bei den Touchdowns ist er damit gleichauf mit der Ligaspitze. Und das hinter einer Offensive Line, der gerade ihr bester Spieler abhandengekommen ist.
Taylor selbst hat keinen Trade verlangt, das betonte er unter der Woche ausdrücklich. Mit dem Wort Neuaufbau kann er wenig anfangen. „Glaubt ihr, wir bauen neu auf?“, fragte er die Reporter. Die Spieler würden jedenfalls nicht die weiße Fahne schwenken. Gleichzeitig räumte er ein, dass „der Tag immer kommt“ und das Geschäft eben zum Football gehört. 2023 war das noch anders: Damals wollte er während eines Vertragsstreits selbst weg.
Was ein Running Back am Deadline-Markt bringt
Der beste Vergleich ist Christian McCaffrey. Carolina gab ihn im Oktober 2022 an die 49ers ab und bekam dafür Picks aus der zweiten, dritten, vierten und fünften Runde, aber keinen Erstrundenpick. McCaffrey war damals 26 und hatte schon zwei All-Pro-Saisons hinter sich. Mehr als ein solches Paket dürfte für Taylor kaum drin sein. Running Backs haben auf dem Trade-Markt seit Jahren einen schweren Stand, auch wenn McCaffrey in San Francisco gezeigt hat, wie sehr der richtige Spieler eine Offense verändern kann.
Bei den Interessenten passt Taylor unterschiedlich gut:
- Broncos: RJ Harvey fällt mit einer Knieverletzung aus und steht auf der Injured Reserve List. Der Bedarf ist akut.
- Giants: Wollen an der Deadline kaufen und haben einen Running Back ausdrücklich auf ihrer Liste.
- Vikings: Haben die Colts vor einer Woche geschlagen und gelten neben New York als wahrscheinlichster Abnehmer.
- Seahawks: Haben mit Nelson schon einen Colt geholt. Mit Zach Charbonnet und Jadarian Price kehren aber gerade zwei eigene Running Backs zurück.
Was in Indianapolis noch übrig ist
Die Colts stehen bei 2-5 und haben zwölf ihrer letzten 14 Spiele verloren, wenn man das Ende der Vorsaison mitzählt. Im Fußball würde man von einem Winterschlussverkauf sprechen: Ein Klub, der seine Saisonziele abgeschrieben hat, macht seine teuren Leistungsträger zu Geld, solange sie noch etwas wert sind.
Offen ist, wer diesen Neuaufbau am Ende verantwortet. Irsay-Gordon hat eine gründliche Suche nach einem neuen General Manager angekündigt. Die Picks, die jetzt gesammelt werden, setzt also jemand ein, der noch gar nicht im Gebäude ist. Und Steichen, mit 27-30 als Head Coach zum Zeitpunkt der Ballard-Entlassung, coacht ein Team, das ihm Woche für Woche weggekauft wird.
