Geschichten mit Geschichten
Der große Rückblick auf die Divisional Playoffs am letzten Wochenende, die fast alles zu bieten hatten, was man sich nur wünschen kann.
Letztes Wochenende fiel ein Joe Montana Rekord für die meisten Playoffsiege, der seit 20 Jahren bestand. Und es passierte im mit Abstand langweiligsten von vier Spielen, die wir in einem Zeitraum von 30 Stunden erleben durften. So viel zu den faden Playoffs.
One Word Offense
Fangen wir also von hinten an, dem letzten Spiel der Runde, einem mehr als überzeugenden 41-28 Sieg der New England Patriots über die Houston Texans. Tom Bradys 17. Playoffsieg sah wie viele seiner bisherigen aus: Die Offense war absurd effizient, die Defense mittelmäßig genug um den gegnerischen Head Coach dazu zu bringen genug Verzweiflungsattempts in Matt Schaub’s Hände zu geben. Das Spiel hatte nur das Problem das letzte zu sein, nach einem Wochenende wo Ausdauer an allen Enden das Stichwort schlechthin war. Bill Belichick selbst war gelangweilt und vernahm die Touchdowns in der zweiten Hälfte mit einem Auge, während sein anderes vermutlich den Gameplan für nächste Woche vorbereitete. Und der wird, keine Sorge, nicht viel anders aussehen als bisher, trotz der Emergenz der RBs Shane Vereen und Stevan Ridley (zusammen kamen sie gegen die Texans auf 28 Touches für 219 Yards und 3 TDs). Es ist gerade Belichicks Idee der Erhardt-Perkins-Offense, die nicht mit Route Codes sondern mit Concepts arbeitet, ein No-Huddle System zu bauen, das in der Kürze des oft nur aus einem Wort bestehendem Play Calls einen massiven Tempo- und Vielfaltsvorsprung herausarbeitet. Ob Riesen-TE Rob Gronkowski nun am Feld ist oder nicht (und er wird es am Sonntag aufgrund eines gebrochenen Armes nicht sein) ist für das variable Modell egal, die Konzepte der Pats Offense funktionierten aus den meisten Formationen. Die Figuren sind austauschbar, mal läuft ein Tight End, mal fängt ein Runningback. Brady als Mittelpunkt des Geschehens ist mittlerweile so geübt in dem Radl, dass das Rotieren der verwendeten Positionen ihn kaum einbremst. Es ist spektakulär im eigentlichen Sinn, und gleichzeitig konstant und immergleich in all seinem Wandel.
Endlich immergleich
Erstmals sowas sagen können auch die Atlanta Falcons, die am Sonntag in der fünfjährigen Mike Smith-Ära ihr erstes Playoffspiel gewannen – indem sie genau die Kopie eines typischen Regular Season Spiels ablieferten. Letztes Jahr im Oktober führten die Falcons in Seattle 27-7 im dritten Viertel und gewannen, richtig, 30-28. Heuer führten sie gegen Peyton Manning’s Broncos 20-0 und 27-7 am Anfang des vierten und gewannen nach einer Aufholjagd grad noch. QB Matt Ryan’s half-minute-drill bestand aus einem Pass, der eins-zu-eins von seinem half-minute-drill gegen die Bears 2008 entnommen war, und einem Pass über die Mitte auf TE Tony Gonzalez, den man genauso ca. 25 Mal gesehen hat seit er in Atlanta ist. Die Falcons fanden einfach nur zu ihrer Regular Season Identität in dem Spiel: Ein Team, dass im Regelfall unflashy dominiert, es aber gern spannend werden lässt, weil man den Fuß vom Gas nimmt und sloppy wird, bevor man dann clutch ist, wenn nötig. Seattle ist ein irre gutes und sympathisches Team, das alle nominellen Vorteile auf seiner Seite hatte, inklusive einer Führung 31 Sekunden vor Schluss, und niemand in Seattle befand, dass Atlanta Glück hatte in dem Spiel. Die Medien konstruieren die über drei Viertel unantastbaren Atlanten als Beinahe-Choker, die grad noch davongekommen sind, in Wirklichkeit ist der einzige Split in der Smith-Ära, der stärker ist als Home Field Advantage (34-8) oder Ryan’s 100er Passer Rating (32-1) oder Turner’s 100 Yard Spiele (24-3), der folgende: Wenn die Falcons jemals eine Führung von 6 oder mehr Punkten im vierten Viertel haben, sind sie 47-0. Siebenundvierzig zu null. Glück schaut anders aus.
Neunundvierziger machen fünfundvierzig
„Glück schaut anders aus.“ dachten sich die Green Bay Packers am Samstag davor auch, wenn auch „nur“ auf einer emotionalen Ebene. Die empfangende Seite einer historischen Quarterback Performance wie der von 49ers QB Colin Kaepernick zu sein kann sich nur unglücklich anfühlen, egal wie wenig der eigene fehlende Effort (Hallo, Eric Walden!) oder die schematische Ahnungslosigkeit (Hallo, Dom Capers!) mitgeholfen haben. Die 49ers dominierten ein superbes Team in allen Belangen zu einem 45-31 Sieg. Der Gameplan, die Pistol nach Wochen der Stille laut wieder auszupacken, war perfekt. Die Exekution der Pässe aus lauflastigen Formationen gegen die offene Mitte der Packers D war perfekt. Die Psyche eines jungen QBs, der sein erstes Playoffspiel mit einem Pick Six begann um danach für ein 107.5 Passer Rating zu werfen, war perfekt. Das Coaching, das sich das alles ausgedacht hat, den richtigen QB mitten in der Saison aufstellte und auch gegen Ende des Spiels mit 14 Punkten Führung gerne ein 4th Down Offside des Gegners provoziert, anstatt das einfache Field Goal zu nehmen, war perfekt. Die 49ers sahen für weite Teile unbezwingbar – à la Patriots – aus, weshalb sie sich – à la Patriots – nur vom eigenen High in Acht nehmen müssen. Als Stammgast im Championship Game muss man in allen Belangen wach bleiben. Wenn es bloß eine Möglichkeit gäbe für Jim Harbaugh sich das von irgendwem nahe stehenden erklären zu lassen…
Die Unterwerfung(en) des Peyton Manning
Bruder John Harbaugh führte die Ravens zum dritten AFC Championship Game in 5 Jahren und er und Broncos QB Peyton Manning haben zusammengenommen vermutlich an die 400 Playoffspiele in ihrer Karriere erlebt, aber sicher keines wie das, das dieses sensationelle Weekend eröffnete. In einer unfassbaren hin-und-her Geschichte wurde alles vereint was diesen Sport so großartig macht: Sensationelle Überraschungen und verdient erfüllte Erwartungen. Gleichzeitig. Peyton Manning war dominant und führte sein Team an den Rand des Sieges mit dem letzten Drive, der ihnen die Führung 7 Minuten vor Schluss gab (Peyton, der Winner). Er war auch gleichzeitig derjenige, der den OT-Pick warf (Peyton, der Playoffchoker) und der 2 von 43 Pässen länger als 20 Yards anvisierte (Peyton, der Verletzte?) – und trotz der Kürze und der dünnen Luft in Denver einige unterwarf. Die Baltimore Special Teams, letztes Jahr noch für die Nicht-Teilnahme an der Super Bowl massiv mitverantwortlich, waren heuer historisch brillant und erlaubten nie einen Return von länger als 40 Yards während der Saison. Sie erlaubten dann gleich ZWEI Return-TDs in einem Spiel, bevor sie – logisch – in OT2 mit einem Field Goal das Spiel gewannen. Ravens QB Joe Flacco kann noch immer nicht alle Würfe machen, hat aber keine Probleme Champ Bailey, der die Saison über besser als erwartet war, gern und immer wieder mit dem Wurf, den er am besten kann, der Bombe, hochzujagen. Eine ansonsten gute Broncos Secondary sah übelst aus am last-second TD von Flacco auf WR Jacoby Jones. Peyton kniete jeweils einen Drive am Ende der ersten und am Ende der zweiten Halbzeit ab, die seinem Image als Competitor ungefähr so sehr widersprachen, wie die Tatsache, dass ausgerechnet Heimkicker Matt Prater ein langes Field Goal im Lange-FGs-Mekka Denver verschoss. Und DER Raven Ray Lewis spielte eine Partie weit jenseits von jemandem in seinem Pensionsantrittsalter. Schon lange war kein Playoffspiel so geladen mit irren Spielzügen, Geschichten und Momenten, und es war ein grandioser Auftakt für ein Wochenende, das gerade nach der miserablen Wild Card Runde erstaunlich lange das Niveau halten konnte.
