Der NFL Draft erklärt: Vom College-Spieler zum NFL-Profi - NFL-Crush

Der NFL Draft erklärt: Vom College-Spieler zum NFL-Profi

Jedes Jahr im April versammeln sich 32 NFL-Teams, um sich die besten College-Spieler des Landes zu sichern. Der Draft ist Talentbörse, TV-Event und Schicksalstag in einem. Hier erfährst du, wie er funktioniert, warum er so wichtig ist und was hinter den Kulissen passiert.

Der NFL Draft
Der NFL Draft - 7 Runden, 224 Picks und der Traum vom Profi-Football.

Was ist der NFL Draft?

Der NFL Draft ist das System, über das junge Spieler in die Liga kommen. Anders als im europäischen Fußball, wo Clubs Spieler für Ablösesummen kaufen, werden im American Football die Talente verteilt. Über drei Tage und sieben Runden wählen die 32 Teams abwechselnd Spieler aus, die ihre College-Karriere beendet haben (oder zumindest drei Jahre nach dem High-School-Abschluss draftberechtigt sind). Pro Runde hat jedes Team einen Pick, also insgesamt rund 224 Spieler, die gedraftet werden. Für die jungen Männer ist es der Moment, auf den sie ihr ganzes Leben hingearbeitet haben.

Warum darf das schlechteste Team zuerst wählen?

Das Prinzip hinter dem Draft ist Chancengleichheit. Das Team mit der schlechtesten Bilanz der Vorsaison bekommt den ersten Pick (den "First Overall Pick") und damit Zugriff auf das beste verfügbare Talent. Das zweitschlechteste Team wählt an zweiter Stelle, und so weiter. Der amtierende Super-Bowl-Sieger wählt als Letzter.

Das Ziel: Kein Team soll dauerhaft dominieren, kein Team dauerhaft am Boden liegen. Wer schlecht ist, bekommt die besten Talente und hat die Chance, sich schnell zu verbessern. Das funktioniert in der Praxis erstaunlich gut. In der NFL gibt es keine Dynastien wie im europäischen Fußball, wo dieselben drei Clubs seit Jahrzehnten die Meisterschaft unter sich ausmachen. Fast jedes Team kann innerhalb von zwei bis drei Jahren vom Tabellenletzten zum Playoff-Teilnehmer werden, wenn es im Draft die richtigen Entscheidungen trifft.

Die Vorbereitung: Scouting, Combine und Pro Day

Lange bevor der Draft stattfindet, sind die Scouts der NFL-Teams unterwegs. Diese Talentsucher besuchen College-Spiele im ganzen Land, analysieren Spielfilm und bewerten hunderte Spieler nach Dutzenden von Kriterien: Geschwindigkeit, Stärke, Technik, Football-Intelligenz, Charakter.

Im Februar folgt die Combine in Indianapolis. Das ist eine zentrale Leistungsprüfung, zu der rund 300 Top-Talente eingeladen werden. Dort absolvieren sie standardisierte Tests: den 40-Yard-Dash (Sprint über 40 Yards, der wichtigste Geschwindigkeitstest), Bankdrücken (wie oft schafft der Spieler 102 Kilo?), Sprungkraft-Tests, Wendigkeit-Drills und positionsspezifische Übungen. Dazu kommen medizinische Untersuchungen und Interviews mit den Teams. Für manche Spieler ist die Combine der Moment, der ihre Draft-Position um 20 Plätze nach oben oder unten verschiebt.

Danach veranstaltet jede größere Universität ihren eigenen Pro Day. Die Spieler trainieren auf dem eigenen Campus vor angereisten Scouts und Coaches. Der Pro Day ist weniger standardisiert als die Combine und gibt den Spielern die Chance, sich in gewohnter Umgebung zu zeigen. Wer bei der Combine enttäuscht hat, kann auf dem Pro Day seine Draft-Aktie retten.

Mock Drafts: Die Vorfreude der Fans

Monate vor dem eigentlichen Draft veröffentlichen Experten und Fans sogenannte Mock Drafts: Prognosen, wer von welchem Team gewählt wird. Es ist eine eigene Subkultur. Experten wie Mel Kiper Jr. oder Todd McShay sind Prominente, deren Mock Drafts millionenfach gelesen werden. Auf Social Media erstellen tausende Fans ihre eigenen Versionen und debattieren wochenlang über jede einzelne Auswahl.

Wer sich besonders intensiv mit dem Draft beschäftigt, nennt sich "Draftnik" (ein Kofferwort aus "Draft" und "Beatnik"). Für Draftniks ist die Draft-Saison (Januar bis April) spannender als die eigentliche Football-Saison.

Draft Night: So läuft der Abend

Der Draft erstreckt sich über drei Tage, meistens Ende April. Am ersten Abend werden die erste Runde (32 Picks) gewählt, am zweiten Tag die Runden zwei und drei, am dritten Tag die Runden vier bis sieben.

Der Ablauf ist immer gleich: Das Team, das an der Reihe ist, hat eine festgelegte Zeit, um seine Entscheidung zu treffen (10 Minuten in der ersten Runde, kürzer in den späteren Runden). Dann tritt der NFL Commissioner ans Pult und verkündet den Pick. Der Moment, in dem der Name eines Spielers aufgerufen wird, ist für den jungen Mann und seine Familie einer der emotionalsten seines Lebens. Manche weinen, manche schreien, manche sitzen still da und können es nicht glauben.

Das Publikum im Saal (der Draft wird jedes Jahr in einer anderen Stadt veranstaltet) reagiert entsprechend: Jubel, wenn das lokale Team gut wählt. Buh-Rufe für den Commissioner (eine liebgewonnene Tradition). Und Stille, wenn ein unbekannter Name fällt.

Trades: Wenn Teams ihre Picks tauschen

Die Draft-Reihenfolge ist nicht in Stein gemeißelt. Teams dürfen ihre Picks tauschen ("traden"). Das führt zu einem Markt, der manchmal dramatischer ist als die eigentliche Spielerauswahl.

Typisches Szenario: Ein Team will unbedingt einen bestimmten Quarterback und ist bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Es bietet dem Team, das weiter vorne wählt, mehrere Picks (z.B. einen Erst- und einen Zweitrundenpick des nächsten Jahres) im Tausch für dessen Platz. Das empfangende Team bekommt mehr Picks und damit mehr Chancen, das aufsteigende Team bekommt seinen Wunschspieler.

Manche Teams handeln aggressiv und tauschen sich nach oben ("Trade Up"), andere sammeln geduldig Picks an und haben in einer Runde drei oder vier Auswahlen. Es gibt kein Richtig oder Falsch, nur verschiedene Philosophien. Beides kann funktionieren, beides kann schiefgehen.

Bust oder Steal: Warum der Draft unberechenbar ist

Der Draft ist keine exakte Wissenschaft. Manche Spieler, die als Nummer-Eins-Pick gefeiert werden, scheitern in der NFL ("Bust"). Andere, die spät oder gar nicht gedraftet werden, werden zu Stars.

Das bekannteste Beispiel für einen späten Pick: Tom Brady wurde 2000 in der sechsten Runde als 199. Spieler ausgewählt. Sechs Runden lang hielten ihn 31 Teams für nicht gut genug. Er wurde der erfolgreichste Quarterback der Geschichte mit sieben Super-Bowl-Siegen. Am anderen Ende: JaMarcus Russell, der Nr.-1-Pick von 2007, galt als eines der größten Talente seiner Generation und war nach drei enttäuschenden Jahren aus der Liga.

Warum ist der Draft so unberechenbar? Weil College-Football und die NFL verschiedene Welten sind. Ein Spieler kann im College dominant sein, weil er größer oder schneller ist als seine Gegner. In der NFL sind alle groß und schnell. Was dann zählt, ist Arbeitsethik, Anpassungsfähigkeit, mentale Stärke und die Fähigkeit, ein NFL-Playbook zu lernen. Das lässt sich in keinem 40-Yard-Dash messen.

Nach dem Draft: Undrafted Free Agents

Über 200 Spieler werden gedraftet. Aber hunderte weitere, die nicht ausgewählt wurden, geben ihren Traum nicht auf. Diese Undrafted Free Agents (UDFA) dürfen sich bei jedem Team bewerben und versuchen, über Tryouts und das Training Camp einen Platz im Roster zu erkämpfen.

Der Weg ist hart: Die meisten UDFAs schaffen es nie über die Practice Squad hinaus. Aber manche werden zu echten Stars. Kurt Warner, der als ungedrafteter Quarterback im Supermarkt arbeitete und später zum zweifachen MVP und Super-Bowl-Champion wurde, ist die berühmteste UDFA-Geschichte der NFL.

Der letzte Pick: Mr. Irrelevant

Eine charmante Tradition: Der allerletzte Spieler, der im gesamten Draft gewählt wird, bekommt den Titel "Mr. Irrelevant" (Mr. Unwichtig). Er wird zu einer Feier nach Newport Beach, Kalifornien, eingeladen und bekommt eine eigene Trophäe.

Der Titel klingt nach einem schlechten Witz, aber Brock Purdy (Mr. Irrelevant 2022) hat ihn eindrucksvoll widerlegt: Er führte die San Francisco 49ers bis in den Super Bowl und bewies, dass die Draft-Position nicht das letzte Wort hat.

Warum der Draft die NFL besonders macht

Kein anderes System im Profisport verteilt Talente so konsequent zugunsten der schwächeren Teams. Der Draft, zusammen mit dem Salary Cap, ist der Grund, warum die NFL die ausgeglichenste Liga der Welt ist. In der Bundesliga gewinnt Bayern München seit einem Jahrzehnt fast jeden Titel. In der NFL kann das schlechteste Team der Vorsaison zwei Jahre später im Super Bowl stehen. Das macht jede Saison spannend, jedes Spiel relevant und jeden Draft zu einem Neuanfang.